Medizin

Allopurinol und Ernährung: Spielt das Essen noch eine Rolle?

Ja, auch unter Allopurinol zählt die Ernährung. Warum das Medikament allein oft nicht reicht und wie Ihr Essen die harnsäuresenkende Therapie ergänzt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Auch unter Allopurinol zählt die Ernährung: Das Medikament bremst die Bildung von Harnsäure, verbessert aber nicht ihre Ausscheidung über die Nieren.
  • Fruktose, Alkohol und eine Ernährung, die Insulinresistenz fördert, wirken über Wege, die Allopurinol nicht oder nur teilweise abdeckt.
  • Eine strenge Diät ist nicht nötig: Innereien, viel Alkohol (vor allem Bier) und zuckerhaltige Getränke begrenzen, ausreichend trinken und alles andere in Maßen genießen.

Ja, die Ernährung spielt auch dann eine Rolle, wenn Sie Allopurinol einnehmen. Allopurinol senkt die Harnsäurebildung sehr wirksam, packt aber nicht alle Faktoren an, die zu einer Hyperurikämie beitragen, insbesondere nicht die, die mit der Harnsäureausscheidung zusammenhängen. Die besten Ergebnisse erzielen die meisten Gichtpatienten, wenn sie harnsäuresenkende Medikamente mit einem vernünftigen, nicht extremen Blick auf die Ernährung verbinden. Einen breiteren Überblick bietet unser umfassender Ratgeber zum Verständnis der Gicht (englisch).

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine ärztliche Beratung dar. Allopurinol und andere Gichtmedikamente sollten nur unter ärztlicher Aufsicht eingenommen werden. Beginnen, beenden oder ändern Sie Ihre Medikation oder Ihren Ernährungsplan niemals, ohne vorher mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin zu sprechen. Der individuelle Ernährungsbedarf hängt von Ihren Erkrankungen, Ihren Medikamenten und Ihrem persönlichen Gesundheitsprofil ab.

Wie wirkt Allopurinol?

Wer verstehen will, warum die Ernährung weiterhin wichtig ist, muss wissen, was Allopurinol tut und was nicht.

Allopurinol ist ein Xanthinoxidase-Hemmer. Es blockiert die Xanthinoxidase, das Enzym, das für den letzten Schritt der Harnsäurebildung verantwortlich ist: die Umwandlung von Hypoxanthin zu Xanthin und anschließend von Xanthin zu Harnsäure. Indem es dieses Enzym hemmt, verringert Allopurinol die Gesamtmenge an Harnsäure, die der Körper bildet.

Diese Wirkung ist beachtlich. Bei vielen Patientinnen und Patienten bringt eine schrittweise gesteigerte Dosis die Harnsäure unter den Zielwert von 6,0 mg/dl, den die Leitlinie des American College of Rheumatology von 2020 empfiehlt, sodass sich vorhandene Kristalle mit der Zeit auflösen können.

Allopurinol setzt jedoch nur auf der Bildungsseite der Gleichung an. Es verbessert nicht die Fähigkeit der Nieren, Harnsäure auszuscheiden. Es geht weder die Insulinresistenz noch den Flüssigkeitsmangel oder andere Stoffwechselfaktoren an, die bei vielen Gichtpatienten die Ausscheidung beeinträchtigen. Und es schützt nicht vor den besonderen Stoffwechseleffekten von Fruktose oder Alkohol, die die Harnsäure über Mechanismen beeinflussen, die über den einfachen Purinabbau hinausgehen.

Warum ist die Ernährung trotzdem wichtig?

Es gibt mehrere konkrete Gründe, warum ein bewusster Blick auf die Ernährung die Therapie mit Allopurinol ergänzt.

Fruktose wirkt über einen anderen Weg

Fruktose (englisch) ist vielleicht der wichtigste Ernährungsfaktor, der auch unter Allopurinol relevant bleibt. Wenn die Leber Fruktose abbaut, verbraucht sie rasch ATP, das zu AMP und anschließend über den Purinabbauweg zu Harnsäure abgebaut wird. Allopurinol hemmt zwar den letzten Schritt dieses Weges (die Xanthinoxidase), doch der rasche ATP-Verbrauch beim Fruktoseabbau kann diese Hemmung teilweise überfordern, besonders bei großen Fruktosemengen.

Noch wichtiger: Fruktose beeinträchtigt außerdem die Harnsäureausscheidung über die Nieren, weil dabei organische Säuren entstehen, die mit der Harnsäure um den Transport in der Niere konkurrieren. Gegen diesen ausscheidungshemmenden Effekt kann Allopurinol nichts ausrichten. Wer unter Allopurinol regelmäßig große Mengen zuckerhaltiger Getränke trinkt, stellt womöglich fest, dass die Harnsäure trotz ausreichender Medikamentendosis hartnäckig über dem Zielwert bleibt.

Alkohol wirkt über mehrere Mechanismen

Alkohol beeinflusst die Harnsäure über mehrere Wege, von denen Allopurinol nicht alle abdeckt. Bier enthält Purine, die zur Harnsäurebildung beitragen, und das kann Allopurinol teilweise ausgleichen. Alkohol beeinträchtigt aber auch die Harnsäureausscheidung, weil er die Bildung von Laktat steigert, das mit der Harnsäure um den Transport in der Niere konkurriert. Er fördert Flüssigkeitsmangel, der die Harnsäure konzentriert. Und er kann eine Insulinresistenz auslösen, die die Ausscheidung weiter verringert.

Diese ausscheidungsbezogenen Effekte bestehen unabhängig von Allopurinol. Wer optimal mit Allopurinol eingestellt ist, aber viel trinkt, kann trotzdem Harnsäurespitzen erleben, die einen Anfall auslösen.

Purine aus der Nahrung tragen weiterhin bei

Allopurinol verringert zwar die Umwandlung von Purinen in Harnsäure, doch extrem purinreiche Mahlzeiten können die Harnsäure trotzdem vorübergehend erhöhen. Die Forschung zeigt, dass Purine aus der Nahrung nur etwa 30 Prozent (englisch) der gesamten Harnsäurebildung ausmachen, aber dieser Anteil zählt. Eine große Portion Innereien liefert eine erhebliche Purinmenge, die selbst bei teilweise gehemmter Xanthinoxidase zu einem spürbaren Harnsäureanstieg führen kann. Das heißt nicht, dass Sie alle purinhaltigen Lebensmittel streichen müssen, aber es ist ratsam, die Lebensmittel mit der stärksten Wirkung im Blick zu behalten.

Die Stoffwechselgesundheit prägt das Gesamtbild

Ernährungsmuster beeinflussen Stoffwechselfaktoren, die direkt mitbestimmen, wie der Körper mit Harnsäure umgeht. Insulinresistenz beeinträchtigt die Harnsäureausscheidung über die Nieren, indem sie den Transporter URAT1 anregt, sodass mehr Harnsäure ins Blut zurückgeholt wird. Eine Ernährung, die Insulinresistenz fördert, also reich an raffinierten Kohlenhydraten und Fertigprodukten ist, arbeitet gegen Ihr Medikament, weil sie die Ausscheidung bremst, während Allopurinol die Bildung senkt.

Umgekehrt verbessern Ernährungsmuster, die die Insulinsensitivität fördern, etwa eine maßvolle Kalorienzufuhr, ausreichend Ballaststoffe und weniger Fertigprodukte, die Fähigkeit der Nieren, Harnsäure auszuscheiden, und wirken so mit Allopurinol zusammen.

Wie sieht eine vernünftige Ernährung unter Allopurinol aus?

Die gute Nachricht: Allopurinol erfordert keine strenge oder freudlose Ernährung. Das Ziel ist informiertes Maßhalten, nicht Verzicht. Dafür spricht die Studienlage:

Begrenzen Sie die Lebensmittel mit der stärksten Wirkung. Innereien (Leber, Niere, Kalbsbries), übermäßiger Alkohol (besonders Bier) und mit fruktosereichem Maissirup gesüßte Getränke sind die Ernährungsfaktoren mit den stärksten Belegen dafür, dass sie die Harnsäure erhöhen und Anfälle auslösen. Wer gezielt diese Lebensmittel reduziert, erzielt den größten Nutzen bei der geringsten Einschränkung im Alltag.

Genießen Sie die meisten Lebensmittel in Maßen. Normales Fleisch, Fisch, Gemüse (auch solches, das manchmal als „purinreich“ gilt, wie Spargel und Spinat), Eier, Milchprodukte, Getreide und die meisten anderen Lebensmittel sind in normalen Mengen in Ordnung, wenn Sie gut mit Allopurinol eingestellt sind. Für pflanzliche Purine wurde in Studien kein erhöhtes Gichtrisiko nachgewiesen.

Trinken Sie ausreichend. Genug Wasser unterstützt die Nierenfunktion und die Harnsäureausscheidung. Das ist eine der einfachsten und wirksamsten Maßnahmen bei Gicht und kostet nichts.

Bevorzugen Sie Lebensmittel, die mit einem geringeren Risiko verbunden sind. Fettarme Milchprodukte, Kaffee und Kirschen waren in großen Studien mit niedrigerer Harnsäure oder einem geringeren Gichtrisiko verbunden. Sie in Ihre Ernährung einzubauen, kann einen moderaten zusätzlichen Nutzen bringen.

Achten Sie auf die Qualität Ihrer Ernährung insgesamt. Die DASH-Diät und die Mittelmeerkost, reich an Obst, Gemüse, Vollkorn, magerem Eiweiß und fettarmen Milchprodukten, gehen mit einem geringeren Gichtrisiko einher. Diese Ernährungsmuster verbessern die Insulinsensitivität, unterstützen die Nierengesundheit und sind gut für die Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die häufig zusammen mit Gicht auftreten.

Was die Forschung über kombinierte Ansätze zeigt

Die Gicht-Leitlinien setzen auf beides. Die Leitlinie des American College of Rheumatology von 2020 empfiehlt harnsäuresenkende Medikamente für die meisten Menschen mit häufigen Gichtanfällen und rät zusätzlich, Alkohol, purinreiche Lebensmittel und fruktosereichen Maissirup zu begrenzen und bei Bedarf abzunehmen. Die Forschung zur Ernährung zeigt, was diese zusätzlich bringen kann:

Eine Ernährungsstudie von 2016 in Arthritis & Rheumatology (Juraschek und Kollegen) fand, dass die DASH-Diät die Harnsäure im Blut bei Erwachsenen mit hochnormalem Blutdruck oder leichtem Bluthochdruck um etwa 0,35 mg/dl senkte, und um etwa 1,3 mg/dl in der kleinen Gruppe, deren Ausgangswert bei 7 mg/dl oder höher lag. Das ist zwar wenig im Vergleich zu dem, was Allopurinol leistet, doch für Patienten, die knapp über ihrem Harnsäure-Zielwert liegen, kann diese zusätzliche Senkung den Unterschied zwischen weiterer Kristallbildung und Auflösung ausmachen.

Eine systematische Übersichtsarbeit von 2017 in den Annals of the Rheumatic Diseases (Nielsen und Kollegen) fand, dass eine Gewichtsabnahme bei übergewichtigen und adipösen Gichtpatienten die Harnsäure im Allgemeinen senkte, mit den größten Effekten um 2,8 mg/dl (168 µmol/l), wobei es nur wenige und überwiegend beobachtende Studien gab. Zusammen mit Allopurinol kann dieser zusätzliche Effekt niedrigere Medikamentendosen ermöglichen, ohne dass die Harnsäure den Zielbereich verlässt.

Wie können Sie verfolgen, worauf es ankommt?

Eine der Schwierigkeiten bei der Verbindung von Medikamenten und Ernährung ist herauszufinden, welche Ernährungsfaktoren für Ihren eigenen Körper tatsächlich zählen. Allgemeine Lebensmittellisten sind ein Ausgangspunkt, aber jeder Stoffwechsel ist anders.

Urica hilft Ihnen, Mahlzeiten, Trinkmenge und Beschwerden an einem Ort festzuhalten, sodass Sie persönliche Zusammenhänge zwischen bestimmten Lebensmitteln und Veränderungen Ihres Befindens erkennen können. Mit der Zeit helfen diese Daten Ihnen und Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin zu unterscheiden, welche Ernährungsfaktoren Ihre Harnsäure spürbar beeinflussen und welche Sie bedenkenlos genießen können. Das Ziel ist ein persönliches, auf Daten gestütztes Gespür statt pauschaler Verbote.

Fazit

Allopurinol ist für die meisten Patientinnen und Patienten die Grundlage der Gichtbehandlung und leistet die Hauptarbeit. Wer es aber als Komplettlösung betrachtet, die die Ernährung bedeutungslos macht, übersieht wichtige Feinheiten. Fruktose, Alkohol und Stoffwechselfaktoren beeinflussen die Harnsäure über Mechanismen, die Allopurinol nicht vollständig abdeckt. Die Gicht-Leitlinien empfehlen deshalb einen kombinierten Ansatz: Das Medikament übernimmt den Großteil der Harnsäuresenkung, vernünftige Essgewohnheiten gehen die übrigen Faktoren an.

Es geht nicht um Perfektion oder Verzicht. Es geht um ein informiertes Bewusstsein für die wenigen Ernährungsfaktoren, die wirklich zählen, und darum, alles andere ohne schlechtes Gewissen zu genießen.

Quellen

Dieser Artikel dient nur der Information und ist keine ärztliche Beratung. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, Ihrer Ärztin oder Ihrer rheumatologischen Praxis über Ihre persönliche Situation.

Finden Sie Ihre persönlichen Auslöser

Jeder reagiert anders auf Lebensmittel. Urica zeigt Ihnen, wie bestimmte Lebensmittel IHRE Gichtanfälle beeinflussen, und bewertet dafür Purine, Fruktose und glykämische Last gemeinsam statt nur Purine.

Häufige Fragen

Kann ich unter Allopurinol essen, was ich will?

Allopurinol senkt die Harnsäurebildung deutlich, doch ganz ohne Rücksicht auf Gichtauslöser zu essen, ist nicht ideal. Purinreiche Lebensmittel wie Innereien, Fruktose aus zuckerhaltigen Getränken und übermäßiger Alkohol können die Harnsäure weiterhin spürbar ansteigen lassen und die Wirkung des Medikaments unter Umständen übersteigen. Die meisten Rheumatologinnen und Rheumatologen empfehlen einen ausgewogenen Ansatz: Allopurinol übernimmt den Großteil der Harnsäuresenkung, und ein maßvoller Blick auf die Ernährung hilft, die Werte stabil zu halten und die allgemeine Stoffwechselgesundheit zu unterstützen.

Wirkt Allopurinol besser mit einer gesunden Ernährung?

Ja. Die Gicht-Leitlinien empfehlen beides: Die Leitlinie des American College of Rheumatology von 2020 verbindet harnsäuresenkende Medikamente mit dem Rat, Alkohol, purinreiche Lebensmittel und fruktosereichen Maissirup zu begrenzen und bei Bedarf abzunehmen. Den größten Teil der Senkung leistet das Medikament. Eine gesunde Ernährung bringt eine kleinere zusätzliche Senkung (die DASH-Diät senkte die Harnsäure in einer Studie um etwa 0,35 mg/dl) und kann helfen, die letzte Lücke bis zum Zielwert zu schließen.

Welche Lebensmittel sollte ich unter Allopurinol meiden?

Es gibt keine speziellen Wechselwirkungen zwischen Allopurinol und Lebensmitteln, die einen strikten Verzicht erfordern. Trotzdem ist es klug, die Gichtauslöser mit der stärksten Wirkung zu begrenzen: Innereien (Leber, Niere, Kalbsbries), übermäßigen Alkohol (vor allem Bier), mit fruktosereichem Maissirup gesüßte Getränke und große Mengen bestimmter Schalentiere. Eine sehr strenge Diät brauchen Sie nicht, aber ein bewusster Umgang mit diesen Lebensmitteln hilft Ihrem Medikament, besser zu wirken.

Weitere Artikel