Medizin

Gichtanfall: Was tun? Schnelle Hilfe und Vorbeugung

Akuter Gichtanfall? Diese Sofortmaßnahmen lindern die Schmerzen schnell, und so beugen Sie weiteren Anfällen langfristig vor.

Das Wichtigste in Kürze

  • Im akuten Gichtanfall früh ein entzündungshemmendes Medikament nehmen (ein NSAR wie Naproxen oder verordnetes Colchicin), das Gelenk kühlen und hochlegen und viel Wasser trinken; keine Wärme und kein Aspirin.
  • Die ersten 12 bis 24 Stunden zählen am meisten: Je früher die Behandlung beginnt, desto kürzer und milder verläuft der Anfall. Eine laufende harnsäuresenkende Therapie wie Allopurinol wird nicht abgesetzt.
  • Langfristig beugen eine konsequente harnsäuresenkende Therapie (Ziel unter 6,0 mg/dl), ausreichendes Trinken, weniger Fruktose und Alkohol und das Erkennen Ihrer persönlichen Auslöser weiteren Anfällen vor.

Wenn Sie gerade mitten in einem Gichtanfall stecken, tun Sie sofort Folgendes: Nehmen Sie ein entzündungshemmendes Medikament (NSAR wie Ibuprofen oder Naproxen, oder Colchicin, wenn es Ihnen verordnet wurde), kühlen Sie das betroffene Gelenk im Wechsel (20 Minuten kühlen, 20 Minuten Pause), lagern Sie das Gelenk über Herzhöhe und trinken Sie reichlich Wasser. Wenden Sie keine Wärme an, versuchen Sie nicht, den Schmerz „wegzulaufen“, und nehmen Sie kein Aspirin (in niedriger Dosis kann es die Harnsäurewerte verschlechtern).

Die ersten 12 bis 24 Stunden der Behandlung zählen am meisten. Je früher Sie eingreifen, desto kürzer und milder verläuft der Anfall.

Was sollten Sie während eines Anfalls sofort tun?

Entzündungshemmende Medikamente

Am wirksamsten ist sofort ein geeignetes entzündungshemmendes Medikament. Die Möglichkeiten, die Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin besprechen sollten, bevor Sie sie brauchen, sind:

NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) wie Naproxen (in den USA etwa als Aleve erhältlich) oder Indometacin sind bei akuter Gicht oft die erste Wahl. Nehmen Sie bei Beginn der Beschwerden die volle empfohlene Dosis. Ibuprofen (in den USA etwa Advil oder Motrin) wirkt ebenfalls, erfordert aber womöglich höhere Dosen. Meiden Sie Aspirin, denn niedrig dosiertes Aspirin kann die Ausscheidung von Harnsäure beeinträchtigen und die Grunderkrankung möglicherweise verschlechtern.

Colchicin wirkt am besten, wenn es in den ersten 12 Stunden eines Anfalls eingenommen wird. Die heute empfohlene Dosierung ist niedriger als die älteren Hochdosis-Schemata: in der Regel 1,2 mg beim ersten Anzeichen eines Anfalls, gefolgt von 0,6 mg eine Stunde später (das in den USA zugelassene Schema, dem laut der Leitlinie des American College of Rheumatology von 2020 zu folgen ist; höchstens 1,8 mg in dieser Stunde). In Europa empfiehlt die EULAR (Empfehlungen von 2016) ein entsprechendes Niedrigdosis-Schema, angepasst an die hier erhältlichen Tablettenstärken: eine Anfangsdosis von 1 mg innerhalb von 12 Stunden nach Beginn des Anfalls und eine Stunde später 0,5 mg (am ersten Tag). Dieses Niedrigdosis-Vorgehen wirkt nachweislich ebenso gut wie höhere Dosen, mit weit weniger Nebenwirkungen im Magen-Darm-Trakt. Nehmen Sie die Dosis, die Ihr Arzt oder Ihre Ärztin verordnet: Bei Nierenproblemen kann eine niedrigere Dosis oder ein anderes Medikament nötig sein, und Colchicin hat Wechselwirkungen mit einigen gängigen Medikamenten, etwa bestimmten Antibiotika und Herzmedikamenten. Colchicin ist verschreibungspflichtig und wirkt am besten, wenn Sie es schon zu Hause haben, bevor ein Anfall beginnt.

Glukokortikoide (Kortison) wie Prednison oder Prednisolon kann Ihr Arzt oder Ihre Ärztin verordnen, wenn NSAR und Colchicin nicht infrage kommen, etwa bei Nierenerkrankungen, Magengeschwüren oder unter blutverdünnenden Medikamenten. Sie sind nur auf Rezept erhältlich.

Wenn Sie keines dieser Medikamente zur Hand haben und nicht schnell ärztliche Hilfe erreichen, ist rezeptfreies Naproxen der am leichtesten verfügbare erste Schritt. Halten Sie sich an die Dosierung auf der Packungsbeilage und melden Sie sich so bald wie möglich in Ihrer Praxis.

Kühlen und Hochlagern

Legen Sie Eis, in ein Tuch oder Handtuch gewickelt, 20 Minuten lang auf das betroffene Gelenk, nehmen Sie es dann für 20 Minuten ab und wiederholen Sie das Ganze. Eis direkt auf der Haut kann sie schädigen, verwenden Sie also immer eine Zwischenlage. Kühlen lindert die Entzündung und die Schmerzen spürbar.

Lagern Sie das betroffene Gelenk nach Möglichkeit über Herzhöhe. Wenn die große Zehe oder das Sprunggelenk betroffen ist, legen Sie sich hin und stützen Sie den Fuß mit Kissen ab. Das Hochlagern verringert die Schwellung, weil die Flüssigkeit besser aus dem entzündeten Bereich abfließen kann.

Trinken

Trinken Sie konsequent viel Wasser, in der akuten Phase deutlich mehr als sonst. Ausreichend Flüssigkeit hilft den Nieren, Harnsäure auszuspülen, und kann womöglich dazu beitragen, dass der Anfall schneller abklingt. Wasser ist ideal. Verzichten Sie während eines Anfalls ganz auf Alkohol und gezuckerte Getränke, denn beides kann die Harnsäure erhöhen und den Anfall verlängern.

Das Gelenk schützen

Bei einem Gichtanfall ist das betroffene Gelenk extrem empfindlich. Schon das Gewicht einer Bettdecke kann starke Schmerzen verursachen. Halten Sie Druck vom Gelenk fern. Wenn der Fuß betroffen ist, tragen Sie keine engen Schuhe; zu Hause sind weite Hausschuhe oder Barfußlaufen eine Möglichkeit. Massieren Sie das Gelenk nicht und wenden Sie keine Wärme an, denn beides kann die Entzündung verstärken.

Ruhe

Jetzt ist nicht die Zeit, sich durchzubeißen. Schonen Sie das betroffene Gelenk und schränken Sie Ihre Aktivität ein, bis die akuten Schmerzen nachlassen. Wer ein Gelenk während eines Anfalls stark belastet, kann den Anfall verlängern und womöglich weitere Kristallablagerungen fördern.

Was passiert, wenn Sie einen Anfall nicht behandeln?

Ein unbehandelter Gichtanfall klingt irgendwann von selbst ab, meist innerhalb von 7 bis 14 Tagen, schwere Anfälle können aber länger dauern. Einen genauen Blick auf den zeitlichen Verlauf bietet unser Ratgeber dazu, wie lange ein Gichtanfall dauert (englisch). Die Entzündungsreaktion des Körpers räumt die Kristalle nach und nach ab, und der Anfall lässt nach. Unbehandelte Anfälle haben jedoch Folgen, die über die akuten Schmerzen hinausgehen.

Mit jedem unbehandelten Anfall können sich weitere Harnsäurekristalle im und am Gelenk ablagern; mit der Zeit entstehen daraus Knoten, die sogenannten Tophi. Sie lösen sich nicht von selbst auf und können das Gelenk schädigen. Unbehandelte Gicht schreitet zudem meist fort: Die Anfälle werden häufiger, dauern länger und betreffen weitere Gelenke.

Für den Schutz Ihrer Gelenke ist beides wichtig: jeden Anfall rasch zu behandeln und, noch wichtiger, einen langfristigen Behandlungsplan zu haben, der künftigen Anfällen vorbeugt.

Wie beugen Sie künftigen Anfällen vor?

Der akute Anfall geht vorüber, die Grunderkrankung aber bleibt. Langfristige Vorbeugung bedeutet, die Faktoren anzugehen, durch die sich die Harnsäure so weit anreichern konnte, dass sie kristallisiert.

Medikamente regelmäßig nehmen

Wenn Ihnen eine harnsäuresenkende Therapie verordnet wurde (Allopurinol, Febuxostat oder Probenecid), ist die konsequente tägliche Einnahme die wirksamste Einzelmaßnahme zur Vorbeugung. Diese Medikamente senken entweder die Bildung von Harnsäure oder steigern ihre Ausscheidung, mit dem Ziel, die Harnsäurewerte unter 6,0 mg/dl zu halten.

Ein häufiger Fehler ist, die Medikamente abzusetzen, sobald es einem besser geht. Gicht ist eine chronische Erkrankung, und eine harnsäuresenkende Therapie muss in der Regel unbefristet fortgeführt werden, damit die Harnsäure niedrig bleibt. Absetzen und erneutes Beginnen kann durch schnelle Schwankungen der Harnsäure sogar Anfälle auslösen.

Ausreichend trinken

Ausreichend zu trinken gehört zu den einfachsten und wirksamsten vorbeugenden Maßnahmen. Wasser hilft Ihren Nieren, Harnsäure effizienter zu filtern und auszuscheiden. Eine feste Trinkmenge geben die großen Gicht-Leitlinien nicht vor. Trinken Sie über den Tag verteilt regelmäßig, am besten Wasser, und bei Hitze oder Sport mehr. Flüssigkeitsmangel ist einer der häufigsten vermeidbaren Auslöser von Gicht.

Bewusst essen

Statt einer starren Verbotsdiät ist es praktischer und auf Dauer besser durchzuhalten, zu verstehen, welche Lebensmittel und Getränke Ihre Harnsäure tatsächlich beeinflussen. Die wirkungsvollsten Ernährungsfaktoren für die meisten Menschen mit Gicht sind:

  • Gezuckerte Getränke und fruktosereiche Lebensmittel: Fruktose steigert die Bildung von Harnsäure und hemmt zugleich ihre Ausscheidung.
  • Bier und Spirituosen: Alkohol hemmt die Harnsäureausscheidung; Bier liefert zusätzlich Purine.
  • Innereien und bestimmte Meeresfrüchte (Sardellen, Sardinen, Miesmuscheln): Sie gehören zu den purinreichsten Lebensmitteln überhaupt.

Diese Liste ist kürzer als die seitenlangen Verbotslisten, die viele Ärztinnen und Ärzte aushändigen. Die meisten normalen Lebensmittel, darunter die meisten Fleisch- und Fischsorten und alle Gemüsesorten, können in vernünftigen Portionen Teil einer gichtfreundlichen Ernährung sein. Entscheidend ist zu wissen, welche Lebensmittel Sie persönlich beeinflussen.

Ihre Auslöser festhalten

Hier wird die langfristige Behandlung persönlich. Konsequentes Gicht-Tracking (englisch) zeigt, dass die Faktoren, die Ihre Anfälle auslösen, andere sein können als bei anderen Menschen. Manche stellen fest, dass Flüssigkeitsmangel ihr Hauptauslöser ist. Andere entdecken, dass Fruktose aus gezuckerten Getränken mehr zählt als die Purine aus der Nahrung. Wieder andere merken, dass schlechter Schlaf zusammen mit Stress sie anfällig für Anfälle macht, unabhängig von der Ernährung.

Ihr persönliches Muster erkennen Sie nur, wenn Sie mehrere Faktoren über längere Zeit festhalten und mit Ihren Anfällen in Beziehung setzen. Genau dafür wurde Urica entwickelt. Das tägliche Erfassen von Mahlzeiten (per KI-Analyse von Fotos), Trinkmenge, Schlaf und Stress schafft die Datengrundlage für eine Zusammenhangsanalyse. Wenn Sie einen Anfall eintragen, prüft die App Ihre Daten der letzten Zeit über alle erfassten Bereiche hinweg und zeigt Muster auf, die erklären könnten, was den Anfall ausgelöst hat.

Jeder dokumentierte Anfall ist zwar schmerzhaft, wird aber zu einem Datenpunkt, der Ihr Verständnis Ihrer eigenen Gicht verbessert. Über einige Monate hinweg werden diese Muster immer deutlicher, und Sie können gezielt danach handeln.

Gewicht und Stoffwechselgesundheit

Übergewicht, vor allem Bauchfett, hängt eng mit Insulinresistenz zusammen, die die Ausscheidung von Harnsäure direkt beeinträchtigt. Langsames Abnehmen (bei Übergewicht) kann die Harnsäurewerte deutlich verbessern und Anfälle seltener machen. Schnelles Abnehmen oder Crash-Diäten können die Harnsäure dagegen durch vermehrten Zellabbau vorübergehend erhöhen und so womöglich Anfälle auslösen. Langsam und dauerhaft abzunehmen ist der sicherere Weg.

Das metabolische Syndrom (die Kombination aus starkem Übergewicht, Bluthochdruck, Insulinresistenz und erhöhten Blutfetten, den Triglyceriden) ist einer der stärksten Risikofaktoren für Gicht und schafft ein Stoffwechselumfeld, das den Umgang des Körpers mit Harnsäure auf mehreren Ebenen stört. Die Stoffwechselgesundheit durch Ernährung, Bewegung und, wenn nötig, Medikamente zu verbessern, kann sich stark auf den Verlauf der Gicht auswirken.

Wann brauchen Sie sofort ärztliche Hilfe?

Die meisten Gichtanfälle lassen sich mit geeigneten Medikamenten zu Hause behandeln. Suchen Sie jedoch sofort ärztliche Hilfe, wenn:

  • Sie Fieber über 38,3 °C und dazu ein heißes, geschwollenes Gelenk haben, denn das kann auf eine Gelenkinfektion hindeuten, die Gicht ähnelt, aber dringend anders behandelt werden muss.
  • bei Ihnen noch nie Gicht festgestellt wurde und Sie zum ersten Mal starke Gelenkschmerzen haben. Eine sichere Diagnose ist wichtig, weil mehrere andere Erkrankungen Gichtsymptome nachahmen (englisch) können.
  • Ihr Anfall nach mehreren Tagen nicht auf die Behandlung anspricht.
  • Sie wegen Allergien oder anderer Erkrankungen keine der Medikamente vertragen.
  • die Schmerzen so stark sind, dass sie sich mit den verfügbaren Medikamenten nicht beherrschen lassen.

Gicht ist eine gut behandelbare Erkrankung. Die akuten Schmerzen eines Anfalls gehen vorüber, und mit den richtigen Medikamenten, Anpassungen im Lebensstil und einem Verständnis Ihrer persönlichen Auslöser können die meisten Menschen ihre Anfälle deutlich seltener machen und gut mit der Erkrankung leben. Entscheidend ist, Gicht als die chronische Stoffwechselerkrankung zu behandeln, die sie ist, und nicht als eine Reihe einzelner, unvorhersehbarer Ereignisse.

Quellen

Dieser Artikel dient nur der Information und ist keine ärztliche Beratung. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, Ihrer Ärztin oder Ihrer rheumatologischen Praxis über Ihre persönliche Situation.

Finden Sie Ihre persönlichen Auslöser

Jeder reagiert anders auf Lebensmittel. Urica zeigt Ihnen, wie bestimmte Lebensmittel IHRE Gichtanfälle beeinflussen, und bewertet dafür Purine, Fruktose und glykämische Last gemeinsam statt nur Purine.

Häufige Fragen

Wie lange dauert ein Gichtanfall?

Ein unbehandelter Gichtanfall dauert in der Regel 7 bis 14 Tage. Manche klingen schon nach 3 bis 5 Tagen ab, schwere Anfälle können mehrere Wochen anhalten. Mit einer frühen Behandlung (Colchicin oder NSAR, begonnen in den ersten 12 bis 24 Stunden) lassen sich die meisten Anfälle deutlich verkürzen, oft auf 3 bis 5 Tage. Entscheidend ist, früh zu behandeln: Je eher Sie beginnen, desto schneller klingt der Anfall ab. Bleibt die Harnsäure über längere Zeit erhöht und unbehandelt, können Anfälle häufiger werden und länger dauern.

Sollte ich Allopurinol während eines Gichtanfalls absetzen?

Nein. Wenn Sie bereits Allopurinol oder ein anderes harnsäuresenkendes Medikament nehmen, setzen Sie es während eines Anfalls nicht ab. Absetzen und erneutes Beginnen kann durch die schnelle Veränderung der Harnsäure sogar weitere Anfälle auslösen. Die aktuellen rheumatologischen Leitlinien empfehlen, eine bestehende harnsäuresenkende Therapie während akuter Anfälle fortzuführen und die Beschwerden des Anfalls getrennt mit entzündungshemmenden Medikamenten zu behandeln. Bei Fragen zu Ihren Medikamenten wenden Sie sich an Ihren Arzt oder Ihre Ärztin.

Kann man Gichtanfällen vollständig vorbeugen?

Viele Menschen mit Gicht erreichen lange anfallsfreie Zeiten durch eine Kombination aus Medikamenten (harnsäuresenkende Therapie, um die Harnsäure unter 6,0 mg/dl zu halten) und Lebensstil (ausreichend trinken, bewusst essen, Gewicht im Blick behalten und Auslöser meiden). Vollständige Vorbeugung ist für viele Menschen erreichbar, erfordert aber Beständigkeit. Wer seine persönlichen Auslöser festhält, erkennt die Faktoren, die für den eigenen Körper am meisten zählen, und kann gezielter und wirksamer vorbeugen.

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